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  • Arvid Heubner

Der unzuverlässige Erzähler ist ein Arschloch

Oder: Wie ein Krimi wirklich entsteht


Ein deutschsprachiger Erfolgsautor hat vor einiger Zeit in einem Podcast der „Zeitung“ mit den vier großen Buchstaben seinen Lesern und Fans gezeigt, wie Bücher bei ihm entstehen. Morgens halb Zehn in Deutschland. Der Autor schob sich die erste Ritter Sport in den Mund, schlürfte an seiner Coke Zero (Donald Trump lässt grüßen) und wartete auf jenen Moment der Eingebung, den Friedrich Schiller wohl am ehesten mit ‚Freude, schöner Götterfunken‘ gemeint haben könnte.

Im Namen von mindestens neunzig Prozent der Verlagsautoren, die neben dem Schreiben einer tatsächlichen Beschäftigung nachgehen, möchte ich diesem Eindruck dezent widersprechen.

Meine Realität, damit wohl die Realität der meisten meiner Kollegen, sieht anders aus. Trotz Verlagsvertrags ist das Schreiben für uns nur Hobby. Diesem Hobby widmen wir uns in unserer Freizeit. Ich will mich nicht beschweren, nur die Umstände schildern, unter denen wir für euch kreativ werden. Neben unserem Alltag.


Mein Debütroman TOTENSTILL war wie erster Sex. Fühlte sich geil an, aber im Prinzip wusste man noch gar nicht so richtig, was man tat. Dieses Gefühl von Freiheit hat man danach nie wieder. Mir kam es vor, als ob ich fliegen könnte.

In den folgenden Geschichten setzte dann die Routine ein. Mit der Routine lernt man, schneller zu arbeiten. Während ich für TOTENSTILL fast zwei Jahre gebraucht habe, dauerte der Schreibprozess für Tinus Gevings dritten Fall nur noch neun Monate. Zugegeben, dieser Teil war als Wettbewerbsbeitrag für die Leipziger Buchmesse angefragt. Ich stand kurz davor, den Titel einzureichen, habe mich im letzten Moment jedoch dagegen entschieden. Mit der Routine kam nämlich auch der Druck. Was, wenn das sprachliche Niveau plötzlich nicht mehr stimmte, nicht mithalten konnte? Auch war mir das Thema der Geschichte zu wichtig, ich wollte sie nicht in einem Wettbewerb verheizen. Auf die Verheißungen des Preisgelds und die schnelle Aufmerksamkeit habe ich verzichtet, zugunsten eines ordentlichen Verlagsprozederes. Es hat sich gelohnt.

Es fühlte sich immer noch verdammt sexy an, aber eben auch kräftezehrend. Weniger am Anfang, vielmehr in der Schlussphase, denn zwischen den Erscheinungsterminen von Gevings zweitem und seinem dritten Fall lag exakt ein Monat. Mir gelang es nur noch mit Mühe, auseinanderzuhalten, über welches Coverbreefing und welches Manuskript wir sprachen. Denn da waren zu der Zeit: Studium, Arbeit, Hobby, Zeitmangel. Alle schrien nach Aufmerksamkeit.


Mittlerweile sitze ich am vierten Fall für unseren Europol-Ermittler, schreibe nicht mehr einfach drauf los, sondern plotte die Geschichte von Anfang bis Ende, Szene für Szene. Allein das Plotten hat ein halbes Jahr in Anspruch genommen, weil nur in der Freizeit möglich. Wir Nachwuchs-Autoren machen es uns nicht einfach. Wir verkaufen nicht irgendein Produkt. Wir nehmen unsere Leserinnen und Leser mit auf eine Reise, in die unser Herzblut und saubere Recherche geflossen sind.

Was nicht bedeutet, dass ich nicht trotzdem meiner „Blümchenphantasie“ freien Lauf lasse. Das war übrigens die Reaktion meiner ehemaligen Deutsch-Lehrerin, als ihr zugetragen wurde, ich sei unter die Krimi-Autoren gegangen: „Der Arvid hatte schon immer so eine Blümchenphantasie.“ Jop, schon klar. Wahrscheinlich trägt sie mir immer noch Kurshalbjahr 12/1 nach (04 NP – Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa), nicht zu vergessen Kurshalbjahr 12/2 (13 NP – tja, Goethe halt). Aber ich schweife ab …


Der Prozess des Plottens nimmt massiv viel Zeit in Anspruch. Manchmal notiert man sich nur einzelne Handlungsanweisungen zu Szenen, oft aber auch schon bis ins Detail ausgearbeitete Dialoge. Es gibt Charaktere, bei denen das sehr leichtfällt.

Nehmen wir zum Beispiel Chloé Lambert, Gevings Partnerin in mehr als nur einer Hinsicht. Chloé ist toll! Chloé ist grandios! Chloé ist ein Energiebündel, das vor Wärme und Herzlichkeit nur so strahlt. In ihre Figur habe ich mich richtiggehend verliebt. Da fallen einem natürlich Welten ein.

Auf der anderen Seite gibt es Charaktere, die machen es einem nicht ganz so einfach, zu denen hat man eine gewisse Distanz. Wie sich an diese Personen herantasten? In einem Fall lautete mein Entschluss, die Distanz nicht aufzugeben, sondern zu nutzen. Ich betrachtete ihn aus der Perspektive des unzuverlässigen Erzählers. Aber Vorsicht ist geboten. Der unzuverlässige Erzähler ist ein Arschloch! Man muss sogar aus der eigenen, allwissenden, Perspektive darauf achten, sich von ihm weder aufs Glatteis noch in Versuchung führen zu lassen.

Am Ende ist der Plot das gesamte Buch in komprimierter Form. Im Fall von „Geving IV“ sind es 35 Seiten. Wie das bei mir aussieht, seht ihr hier. Keinen Plan? Ich schon.

Zum Schreiben kann und will ich mich an dieser Stelle bewusst kurzhalten. Es sei nur erwähnt, dass die Mühe des vorbereiteten Plots nicht umsonst gewesen ist. Man kann einfach drauf los schreiben, ohne noch irgendeine Rücksicht auf Verluste nehmen zu müssen. Schreiben geht bei mir im Prinzip überall. Egal, ob in der Bahn, oder auf dem Weg zur Schule. Aber am liebsten schreibe ich an meinem Schreibtisch.

Ich bin Schnellschreiber, ich bin Vielschreiber, schon immer gewesen. Aber ich kann nicht einfach in die Tasten hauen. Heißt: Ich brauche Stift und Papier. Aber nicht irgendeinen Stift. Das wäre zu einfach. Zum Schreiben nutze ich meinen Montblanc Meisterstück LeGrand. Ein Kolbenfüllfederhalter (ich mag keine Patronen) und Flotte-Schreibe-Feder. Man braucht ihn nur aufs Papier zu setzen und er macht den Rest von allein. Wie Zauberei!

Mit der Hand vorzuschreiben, hat für mich Vorteile. Man kann unterstreichen, durchstreichen, überkritzeln, ergänzen, umwerfen. Ich bin da wahrscheinlich verschult, brauche die fließende Bewegung aus der Hand heraus, um meine Gedanken klar zu Papier zu bringen. Beim Abtippen kann ich korrigieren, umformulieren. Nicht vorher. Dann lese ich es mindestens zweimal gegen (ich bin ein Pedant!). Wenn es mir dann immer noch gefällt, wandert es vom Entwurf in das entsprechende Kapitel. Kommt es dabei zu ‘Deleted Scenes‘, also Kapiteln, die es erst gar nicht in die Geschichte schaffen? Die Frage wird jeder Autor anders beantworten. Bei mir passiert so etwas höchst selten, einfach weil ich weiß, dass ich Bombe schreiben kann (unbescheiden, aber wenigstens ehrlich). Der Prozess des Aussiebens kommt ohnehin im Lektorat. Bis dahin heißt es: Feuer frei!

So hat man dann eines Tages sein Manuskript beendet. Ich lasse es in aller Regel für einige Tage, gar Wochen liegen, bevor ich mit frischem Blick noch Korrekturen vornehme, der Geschichte den letzten Schliff verpasse. Im Prinzip kann das fertige Werk jetzt an den Verlag gehen. Da wäre noch eine Kleinigkeit: das Exposé … Mit anderen Worten: Erkläre dein Buch, deine Hauptpersonen, die Gesamthandlung auf zwei Seiten. Zwei Seiten. Ihr glaubt, ein Buch zu schreiben sei schwierig? Wartet ab, bis ihr gezwungen seid, euch wirklich kurz zu fassen. Außerdem soll das Exposé spannend und unterhaltsam sein. Verlage und Agenturen geiern darauf.


Kleiner Sprung. Die Geschichte ist so gut, dass dein Verlag sie unbedingt haben will. Zwischen Vertragsunterzeichnung und Erscheinungstermin liegt in der Regel ein knappes halbes Jahr. Genug Zeit? Nope! Jetzt beginnt die eigentlich harte Arbeit. Man hat 1. eine Deadline und 2. much too much pages. Zeit fürs Lektorat.

Manuskripte sind nach dem ersten Lektoratsdurchgang mit jeder Menge roter Randanmerkungen versehen. Davon darf man sich keinesfalls entmutigen lassen. Man ist nicht schlecht, aber die Menge an Rot zeigt, wieviel zur Perfektion noch fehlt. Eine Herausforderung, die Zeit drängt, vier Wochen bis zum nächsten Durchgang. Nicht einberechnet die Zeit, die auch der Lektor benötigt.

Die Zweitkorrektur enthält fast nur noch Kleinigkeiten. Spätestens jetzt ist ein Lektor genauso „betriebsblind“ wie der Autor. Die Geschichte verschwimmt vor dem inneren Auge, man beginnt, Fehler nicht mehr zu erkennen. Was der Grund dafür ist, dass im Lektorat das Sechs-Augen-Prinzip gilt. Denn der externe Korrektor schaltet sich ein. Der ist unbefangen und merzt die letzten Fehler aus. Währenddessen – die Geschichte ist noch nicht fertig – stehen die Coverbreefings in den Startlöchern. Man sollte das Thema Buchcover nicht unterschätzen.

Danach lese ich als Autor meine Geschichte zum x-tausendsten Male, kann schon mitspielen, erteile meine Freigabe und ab geht die Lucy.

Ein Triumph des Willens! Ein Meisterwerk! Nee … In Wirklichkeit bis ich danach so ausgelutscht, dass ich nur noch sage: „Boah, Leute. Geht weg mit dem Scheiß! Ich kann’s nicht mehr sehen.“ Man nimmt sich vor, nie wieder ein Buch auch nur anzufassen. Und dann, irgendwann, beginnt der Zauber von Neuem. Ein leeres Blatt Papier, die erste Idee. Eine Geschichte entsteht. Und plötzlich fliegt man.


Tinus Gevings vierter Fall ist in Arbeit. Die Geschichte hat sogar schon einen Titel, aber ich schweige wie ein Grab. Alles, was ich an dieser Stelle zu „Geving IV“ verrate, ist das Head-Up-Quote:

Dies ist nicht das Ende. Es ist nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist, vielleicht, das Ende des Anfangs. – Winston Churchill

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