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  • Arvid Heubner

"Die Erde ist eine kluge alte Frau" - Filmschau "Endzeit"

Sicherlich muss in Zeiten einer andauernden globalen Krise die Frage gestellt werden, wie die zukünftige finanzielle Ausstattung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland aussehen soll. Klar scheint dieser Tage – nach erneutem Lockdown in einem „Winter des Missvergnügens“ – nur zu sein, dass wir mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen nach Corona noch sehr lange werden leben müssen. Alle werden den Gürtel enger zu schnallen haben. Sollten Funk und Fernsehen dann nicht mit gutem Beispiel vorangehen? Eine Reform der ARD erscheint zumindest überfällig.

Diese vorangestellte Kritik gilt nicht so sehr dem ZDF. Die Mainzer liefern mittlerweile ein Breitenprogramm, in dem sich alle wiederfinden können. Beispielsweise in der für ZDFneo produzierten Serie „Sløborn“ von Christian Alvart. In Kooperation mit ARTE geht das ZDF in der Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ überdies regelmäßig Experimente ein. Eines dieser Experimente, der in Thüringen spielende Horrorfilm „Endzeit“, hatte jetzt beim deutsch-französischen Kultursender seine Fernsehpremiere.

„Endzeit“ feierte bereits 2018 seine Weltpremiere auf der Kinoleinwand, unter anderem beim Toronto International Film Festival und bei den Carte Blanche Filmseries – Mariette Rissenbeek on German Women Cinematographers im New Yorker Museum of Modern Art.

Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen, 2011 als Diplomarbeit für die Bauhaus-Universität geschaffenen Comic von Olivia Vieweg, das sie für den Film auch adaptierte.


Zwei Jahre nach Ausbruch einer Zombie-Apokalypse ist die Menschheit nahezu vollständig ausgerottet. Weimar und Jena sind dank massiv bewehrter Schutzzäune, die eher an die innerdeutsche Grenze erinnern, die vermutlich letzten Zufluchtsorte menschlicher Zivilisation. Aber was ist schon Zivilisation? Goethe und Schiller haben in dieser Welt ausgedient. Ihr Denkmal vor dem Nationaltheater dient bestenfalls noch als geeigneter Stellplatz für eine Solaranlage, denn Strom ist Mangelware, Selbstversorgung Pflicht. Der Markt-Brunnen vor dem Rathaus scheint die einzig brauchbare Trinkwasser-Quelle für diese Stadt im permanenten Belagerungszustand zu sein. Filme dieses Genres wirken in den allermeisten Fällen generisch und steril. Sie spielen an Orten, mit denen sich Zuschauer nicht zwangsläufig identifizieren. Hier ist das anders, man schluckt unwillkürlich. Die Verlagerung der sogenannten Wolfszeit nach einer Apokalypse in mitteldeutsche Gefilde sorgt für beklemmende Unmittelbarkeit. Die in grobkörnigen Grauschattierungen dargebotenen Weimarer Stadtansichten haben etwas Morbides. Von dieser eigentlich nur noch zum Scheitern verurteilten Stadt geht ein Modergestank aus, dem man sich zu keiner Zeit entziehen kann.

Dieses Irrenhaus ist die Welt der 22-jährigen Vivi – gespielt von Gro Swantje Kohlhof. Bezeichnenderweise lebt Vivi in einer psychiatrischen Klinik. Gebetsartige Verse vor sich hinmurmelnd scheint die junge Frau in ihrem eigenen Horror gefangen zu sein. In blitzartig über sie hereinbrechenden Flashbacks wird schnell klar, dass sie sich das Verschwinden ihrer jüngeren Schwester Renate (Amy Schuk in einer Nebenrolle) zum Vorwurf macht, von der sie bei einem Zombie-Überfall auf das Haus der Familie getrennt wurde. Vollgepumpt mit Psychopharmaka – die bestenfalls dazu geeignet sind, den „inneren Film“ nicht über ein gewisses Level hinaussteigen zu lassen – vegetiert Vivi vor sich hin. Da helfen auch die auf Vorschlag der Heimleiterin (Barbara Philipp – „Der Vorleser“, „Axolotl Overkill“) grell gefärbten Haare nichts. Aber Vivi möchte der Heimleiterin, der sie ihre damalige Rettung zu verdanken hat, die Freude über das aus ihrer Sicht gelungene Geschenk nicht verderben.

So kommt es gerade recht, dass Vivi aus diesem „Universum in der Nussschale“ in Stephen Hawkings Sinne zu Arbeiten am Schutzzaun herangezogen wird. Nach über zwei Jahren der Isolation hinaus ins Freie, hinaus in die Zivilisation. Und wieder die Frage: Was ist Zivilisation? Bei den Arbeiten am Schutzzaun wird eine junge Frau von angreifenden Zombies gebissen. Ohne viel Federlesens wird die Infizierte erschossen. Homo homini lupus. Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Während dieser Arbeitseinsätze lernt Vivi die vier Jahre ältere Eva (Maja Lehrer) kennen. Eva hat sich als harte Zombie-Killerin einen Ruf gemacht. Doch auch ihr geht die Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit gegen den Strich. So beschließen Vivi – die sich auf die Suche nach ihrer verschollenen Schwester begeben will – und Eva unabhängig voneinander, dem Regime zu entfliehen und nach Jena zu gehen, wo an einem Impfstoff gearbeitet werden soll.

Aus der anfänglich gegenseitigen Abneigung wird nach und nach eine zarte Freundschaft. Vivi und Eva werden Zeugen, wie sich die Natur des Menschen – eines Systemfehlers gleich – entledigt. Doch Eva hat ihre eigenen Geheimnisse. Bis sie einer mysteriösen Gärtnerin (Trine Dyrholm – „In China essen sie Hunde“, großartig!) begegnen.


Vivi (Gro Swantje Kohlhof, li.) und Eva (Maja Lehrer, re.) misstrauen zunächst einander. Gemeinsam lernen sie, in der postapokalyptischen Welt zu überleben.


Von zwei Ausnahmen abgesehen verschont die schwedische Regisseurin Carolina Hellsgård Zuschauer mit schwächerem Nervenkostüm von allzu expressiven Zombie-Szenen. Äußerst wohltuend. Danke! Was nicht bedeutet, dass Hellsgård gänzlich auf die Trickkiste vergleichbarer Filme des Genres verzichtet. Lange Kamerafahrten wie in “28 Days Later“, Wimmelbild-Szenen wie in “World War Z“, stille Einzelmotivik wie in “I Am Legend“. Das hat sich bewährt, das darf nicht fehlen.

Bleibt die Frage, ob es sich um einen klassischen Zombiefilm handelt. Diese Frage lässt sich wohl verneinen. Man könnte Hellsgårds Regie und Viewegs Drehbuch eine gewisse Langatmigkeit, gar den Hang zu Metaphyse unterstellen. Diesem Vorwurf möchte der Verfasser entgegentreten. Die Apokalypse ist hier nicht das Entscheidende. Wie ein Blues-Schema bildet sie eher das Fundament. Inhaltlich entscheidend ist etwas ganz Anderes. Man kann „Endzeit“ als Kommentar auf einen von der Menschheit heruntergewirtschafteten Planeten verstehen. Und das einige Zeit vor #FridaysForFuture.

Die zentrale Botschaft bekommt der Zuschauer etwa zur Mitte des Films. Nach knapp überstandener Zombie-Attacke wird Eva von Vivi immer noch atemlos gefragt: „Glaubst du, wir werden geprüft?“ Worauf diese ohne merkliche Emotion antwortet: „Ich glaube, die Erde ist eine kluge alte Frau. Die Menschen haben zu lange keine Miete gezahlt. Und das da draußen, das ist die Räumungsklage.“ Ein Ansatz, über den in Zeiten einer Pandemie mit Hunderttausenden Toten das Nachdenken lohnt. Der von ARTE zugewiesene Sendeplatz, fast auf den Tag genau ein Jahr nach Virus-Ausbruch, ist sicher kein Zufall.





Eva gilt als abgebrühte Zombie-Killerin, während Vivi lernen muss, sich ihren übergroßen Ängsten zu stellen.


„Endzeit“ ist eine Coming-of-Age-Story. Zwei junge Menschen befreien sich von ihrem emotionalen Gepäck, um gemeinsam in eine neue Welt aufzubrechen. Eine bessere Welt?

„Endzeit“ ist ebenso ein Road-Movie, der Weg ist das Ziel.

Und „Endzeit“ ist ein Film, der den Feminismus feiert. Bis auf den aus der Netflix-Produktion „Dark“ bekannten Axel Werner, der hier einen alten Klinik-Insassen spielt und Vivi zur Flucht verhilft, besteht das von Annekathrin Heubner zusammengestellte und als solches äußerst homogen agierende Figurenensemble ausschließlich aus Frauen. Na, wenn das keine Ansage ist?

Die von Franziska Henke verantwortete Filmmusik verdient besonderes Lob.


Seit der Verfilmung von Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ wurde der Gesellschaft aus Jugendsicht nicht mehr derart der Spiegel vorgehalten. Was erklärt, warum dieser Film trotz FSK-16-Freigabe zum Einsatz im Unterricht empfohlen wird.

Bleibt die Hoffnung, dass unsere von Pandemie zurückgeworfene und gebeutelte Jugend die richtigen Schlüsse daraus zieht und uns zwingt, nicht einfach aufzustehen und weiterzumachen als wäre nichts gewesen. „Endzeit“ ist daher auch als Mahnmal gegen unsere krankhaften Triebe nach Gier und Selbstzerstörung zu verstehen. Muss man unbedingt gesehen haben!




Bildquellen: farbfilm verleih, ©2018

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